Auf einem Grundstück, das an der früheren Roßstraße, der heutigen Ernst-Amme-Straße, jenseits der Ringbahn lag, erstreckte sich die Mühlenbauanstalt Amme, Giesecke und Konegen (AGK). Als MIAG ist die Firma vielen Braunschweigern noch geläufig, heute ist dort der Schweizer Konzern Bühler in der Nachfolge tätig.
Die Entstehungsgeschichte des Mühlenbauunternehmens ist eine herausragende Erfolgsstory der Braunschweiger Wirtschaftsgeschichte vor dem Ersten Weltkrieg. 1895 eröffneten Ernst Amme, Carl Giesecke und Julius Konegen, nachdem sie bei der Luther ausgeschieden waren, ihre neue Firma. Bei der Standortwahl war die Anbindung an die Landeseisenbahn entscheidend, das nötige Kapital besorgte das Bankhaus Löbbecke. Die Firma wurde mit einer Reihe von technischen Innovationen im Mühlen- und Speicherbau tätig, bald produzierte sie auch Turbinen, stattete Zementfabriken aus, fertigte Maschinen für die Holzstoff- und Papierindustrie. Seit 1902 wurde die wachsende Industrieanlange um eine eigene Gießerei ergänzt.
Bei der Pariser Weltausstellung war AGK vertreten und galt bereits als der bedeutendste Betrieb der Branche. Bis 1911 war das Werkgrundstück an der Roßstraße von anfänglichen 4.600 qm auf 95.888 qm gewachsen, wovon 26.605 qm bebaut waren. Von 92 Beschäftigten (drei Firmeninhaber, zehn technische Angestellte, fünf kaufmännische Angestellte, fünf Meister und 69 Arbeiter), die der Betrieb im Gründungsjahr zählte, war man auf 3.036 Betriebsangehörige gewachsen und damit bei weitem das größte Industrieunternehmen in Braunschweig. Man lieferte in die ganze Welt – 70 Prozent der Produkte gingen in den Export.
Die Maschinenbaufirma hatte eine große Zahl an qualifizierten Facharbeitern und galt als eine Hochburg der Gewerkschaftsbewegung. 1907 waren 86,4 Prozent der Arbeiter organisiert, 595 Arbeiter im Metallarbeiterverband, 325 – in der Regel weniger Qualifiziere – im Fabrikarbeiterverband. Im Vorjahr hatte der Arbeitskampf der Former Aufsehen erregt. Die Arbeiter hatten sich mit einer Reihe von Forderungen an die Betriebsleitungen gewandt. Sie verlangten eine Verkürzung der Arbeitszeit, einen Mindestlohn, Veränderungen der Akkordarbeit und eine Beschäftigungssicherung. Als ein Entgegenkommen nicht festzustellen war, legten am 04.04.1906 in der Gießerei von AGK 155 Arbeiter die Arbeit nieder. Der Verband der Braunschweigischen Metallindustriellen reagierte mit einer gewaltigen Aussperrung in zahlreichen hiesigen Betrieben. Allein bei AGK wurden 906 Arbeiter ausgesperrt. Erst nach Wochen des Arbeitskampfes kam ein Kompromiss zustande, und am 29.05 konnte die Arbeit wieder aufgenommen werden. Wenn auch das Ergebnis nicht übermäßig zufrieden stellte, war doch die gewerkschaftliche Organisation durch zahlreiche Neueintritte gestärkt aus dieser Auseinandersetzung hervorgegangen. 1907 folgten Bemühungen um den Neun-Stunden-Tag. Immerhin wurden 9,5 Stunden bei AGK eingeführt, der Neun-Stunden-Tag kam erst 1911. Auch den politischen Streikbewegungen des Ersten Weltkrieges waren die Beschäftigten von AGK beteiligt.
Den Status als größter Industriebetrieb in Braunschweig konnte AGK in den zwanziger Jahren wahren. Allerdings folgte auf die Bildung einer Interessengemeinschaft mit anderen Mühlenbaubetrieben im Weltkrieg 1925 ein Zusammenschluss unter wesentlicher finanzieller Beteiligung von Hugo Greffenius/Frankfurt. Außer dem Frankfurter Betrieb und den beiden Braunschweiger Mühlenbauanstalten (AGK und Luther) waren Gebr. Seck in Dresden und die Maschinenfabrik Kepler in Berlin beteiligt. Der Konzern mit einem Stammkapital von 15,5 Mio RM firmierte nun unter MIAG Mühlenbau und Industrie AG. Die Produktion wurde in den kommenden Jahren auf die beiden Braunschweiger Betriebsteile („Ammewerk und Lutherwerk“) konzentriert, die Konzernverwaltung war vorerst in Frankfurt.
Die Frage der Ausgestaltung der kollektiven Arbeitsbedingungen wurde in der Weimarer Republik auch auf die Angestellten ausgedehnt. Die in zahlreiche weltanschauliche und berufliche Verbände zersplitterte Angestelltenbewegung hatte 1919 insofern ein Erfolg erzielt, als auch ein Tarifvertrag für die Bürobeschäftigten abgeschlossen wurde. In den Folgenjahren weigerten sich die Metallindustriellen aber, erneut tarifliche Regelungen zu vereinbaren. Bei der MIAG ließ die Geschäftsleitung die Angestellten sogar schriftlich befragen, ob sie einen Tarifvertrag wünschten oder ohne diesen weiterarbeiten wollten. 442 sprachen sich daraufhin gegen einen Tarifvertrag aus, 19 trauten sich, ein „ja“ zum Tarifvertrag mitzuteilen und 17 nahmen nicht an der Abstimmung teil.
Die politische Konfrontation der 1930er Jahre hatte starke Auswirkung auf den Großbetrieb: 1932 kam es zu Auseinandersetzungen mit Nationalsozialisten, bei denen der Reichsbanner Mann Kurt Meier vor dem Werkstor erschossen wurde. Zu seiner Beerdigung legten 8.000 Arbeiter in Braunschweig die Arbeit nieder. Da die MIAG als Hochburg antifaschistischer Einstellungen bekannt war, richteten sich 1933 mehrere Verhaftungswellen der SA- und SS-„Hilfspolizei“ gegen Belegschaftsangehörige. Die MIAG-Mitarbeiter Hermann Behme, Hans Grimminger, Walter Römling und Willi Steinfaß waren unter den zehn Antifaschisten, die am 04.07.1933 in dem beschlagnahmten Gewerkschaftsheim Rieseberg ermordet wurden.
Im Zweiten Weltkrieg wurden in der MIAG Rüstungsgüter hergestellt, weobei die Serienfertigung zahlreicher Panzer III sowie der Panzertypen „Panther“ und „Tiger“ im „Ammerwerk“ hervorzuheben ist. Unter den 6.000 Beschäftigten befanden sich Ende 1944 etwa 2.500 dienstverpflichtete Ausländer.
In den Nachkriegsjahren konnte der Anlagenbauer an frühere Erfolge anschließen, wuchs sogar zeitweilig auf eine Größe von fast 5.000 Beschäftigten. 1972 kaufte der Schweizer Konzern Bühler die Braunschweiger Firma. Heute arbeiten noch etwa 800 Beschäftigte am Braunschweiger Standort des weltweit tätigten Unternehmens. Derzeit werden die Fabrikanlagen des Anlagenbauers an der Ernst-Amme- und der Julius-Konegen-Straße konzentriert und modernisiert.

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