Rund um den heute als Grünanlage erhaltenen Martinifriedhof liegen drei als städtische Bürgerschulen entstandene Schulhäuser. Sie geben Anlass dazu, auf die Entwicklung des Schulwesens in der Industrialisierung einzugehen.
In Braunschweig gab es 130 neben den höheren Schulen drei städtische Bürgerschule, eine Garnisonsschule und zwei Armenschulen. Die explosionsartige Bevölkerungsentwicklung in Braunschweig – vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis 1890 wuchs Bevölkerung von 27.000 auf über 100.0000 – erforderte einen zügigen Ausbau der Bürgerschulen. 1897 gab es bereits 15 Bürgerschulen in Braunschweig. Im Westen der Stadt entstanden die Schulen am Prinzenwinkel (Echternstraße 1872/74), in der Sidonienstraße (1874/76), in der Sophienstraße (1890/91), am Hohestieg (1892/94) in der Bürgerstraße (1897/99) und die Diesterwegschule (1905/07).
Der Unterricht erfolgte grundsätzlich nach Geschlechtern getrennt, auch wenn es oft gemeinsame Schulgebäude gab. Dann verfügte die Schule aber über einen Jungen- und Mädcheneingang und getrennte Pausenhöfe. Man unterschied mittlere und untere Bürgerschulen. Die mittlere Bürgerschule umfasste acht Klassenstufen, die untere sieben. Es bestand eine Schulgeldpflicht. An der unteren Bürgerschule waren 4 Mark pro Schuljahr und Familie zu entrichten, so dass für jüngere Geschwister kein zusätzliches Schulgeld anfiel. In der mittleren Bürgerschule wurden pro Schuljahr und Schüler 24 Mark fällig, was dem Wochenlohn eines Arbeiters entsprach und als soziale Schranke wirkte. Zwar waren Ermäßigungen oder ein Schulgelderlass für bedürftige Familien auf Antrag möglich, doch die grundsätzliche Schulgeldpflicht blieb.
Die soziale Schieflage machte sich auch in anderer Hinsicht bemerkbar, wie die folgenden Zahlen zeigen. Die Ausstattung mit Lehrer war an den mittleren Bürgerschulen besser als an den unteren. In den Jahren 1882 bis 1912 wuchs die Anzahl der Schüler, die die untere Bürgerschule besuchten, um mehr als 100 Prozent von 4.020 auf 9.638. Die Klassenfrequenz verringerte sich im Laufe der Jahre von 57 auf 46 je Klasse. In dieser Schulreform war das zahlenmäßige Verhältnis zwischen Mädchen und Jungen fast ausgeglichen. Die mittlere Bürgerschule verzeichnete im gleichen Zeitraum einen Schülerzuwachs von ca. 70 Prozent, von 4.242 im Jahr 1882 auf 7.187 im Jahr 1912. Die Anzahl der Schüler verringerte sich von 54 auf 42,5. Die mittlere Bürgerschule wurde von deutlich mehr Jungen als Mädchen besucht. Die Schulbildung der Mädchen hatte noch keinen hohen Stellenwert.
Im Gegensatz zu den höheren Schulen waren die Bürgerschulen in ihren Inhalten mehr auf die Bedürfnisse der unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten ausgerichtet und an der beruflichen Praxis orientiert. Fächer waren: Religion, deutsche Sprache, Geographie, Geschichte, Schreiben, Rechnen, Geometrie, Zeichnen, Singen, Turnen und Handarbeiten (für Mädchen).
Die Schulpflicht begann mit dem vollendeten sechsten Lebensjahr und endete Oster nach Vollendung des 14. Lebensjahres. 1919 wurden die Bürgerschulen im Freistaat Braunschweig aufgehoben und ein eine achtstufige allgemeine Volksschule überführt. Im Schuljahr 1919/20 wurde diese von 14.964 Schülerinnen und Schüler (davon 7.758 Knaben und 7.206 Mädchen) besucht. Seit 1922 war an Volks- und Sonderschulen in Braunschweig kein Schulgeld mehr zu zahlen.

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