An der Verzweigung der Julius- und der Broitzemer Straße, gegenüber der alten Ziegelfassade der früheren Konservendosenfabrik Bremer und Brückmann, befindet sich eine Freifläche. Ein noch vorhandener Metallzaun weist auf eine frühere Nutzung hin: Hier stand bis Anfang der 70er Jahre das imposante Gebäude der Herberge zur Heimat. Es ist Älteren oft noch in Erinnerung, weil es in den Nachkriegsjahren auch einem Kindergarten der Martini-Kirchengemeinde Platz bot.
Die Industrialisierung im 19. Jahrhundert hatte eine bis dahin in ihrer Dimension unbekannte Wanderungsbewegung ausgelöst. Viele Menschen verließen ihre dörfliche Lebensumwelt, um in der Stadt nach Arbeit in den neu entstandenen Fabriken zu suchen. Viele nahmen längere Wege in Kauf, um in prosperierenden Regionen nach besseren Lebensumständen Ausschau zu halten. Da die Entwicklung der Industrie sehr unstetig verlief und oft ein gerade erst gefundener Arbeitsplatz wieder verloren war, blieb es nicht bei einem einmaligen Ortswechsel. So entstanden große Gruppen von mittellosen Wanderarbeitern, die durch die Lande zogen. In vielen Fällen setzte ein allmählicher Prozess von sozialer Entwurzlung und Verelendung ein. Die Chance, ein Arbeitsverhältnis wieder aufzunehmen, wurde dabei immer geringer, da Arbeitgeber argwöhnten, die Umherwandernden seien unzureichend an die harten Arbeitsbedingungen gewöhnt und nicht geschickt genug.
Die bürgerliche Öffentlichkeit in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war über das Ausmaß dieser als „Vagabundage“ bezeichneten Massenwanderung beunruhigt. Doch waren nicht alle überzeugt, dass man der Wanderungsbewegung allein mit harten Strafen gegen „Bettelei“ und „Landstreicherei“ Herr werden konnte. Soziale Hilfsmaßnahmen schienen aufgeschlossenen Zeitgenossen geboten.
1874 traf sich eine Gruppe von Braunschweiger Geistlichen, Fabrikanten und Polizeibeamten. Wie bereits an anderen Orten geschehen, wollten sie auch in der Okerstadt eine „Herberge zur Heimat“ schaffen. Handwerker und „sonstiger Gewerbestand“ sollten in einer solchen, christlich geführten Herberge günstig Unterkunft und Verpflegung finden. Ein Hausvater sollte – so vorhanden – Arbeit vermitteln und für die Einhaltung einer Hausordnung sorgen. „Branntweintrinken“, „Zoten“ und „Kartenspiel“ sollten in dieser Herberge Verboten sein, eine morgendliche Andacht aber zum Tagesablauf gehören.
Die Herbergsstifter waren insbesondere durch das finanzielle Engagement mehrerer Fabrikanten erfolgreich und konnten mit einem Neubau an der damaligen Goslarschen Straße beginnen. Im August 1876 wurde das Gästehaus eingeweiht. Schon im ersten Geschäftsjahr kamen fast 7.000 Übernachtungsgäste. Wer die Kosten für den Platz in einem der Schlafsäle nicht bezahlen konnte, wurde an den „Verein gegen Bettelei“ verwiese. Dieser unterhielt einen Holzplatz, auf dem Mittellose eine Arbeitsleistung erbringen konnten und dann eine Unterkunft zugewiesen bekamen. Die Nachfrage nach den Schlafplätzen in der Herberge zur Heimat war so anhaltend, dass man 1900 einen Erweiterungsflügel an das Haus anfügte. Die Ursprünglich aufgenommenen Hypotheken waren bereits abgetragen. Nun wurde eine Zahl von fast 18.000 Übernachtungen im Jahr erreicht.
In den zwanziger Jahren nahm die Herberge ihre Aufgabe weiter wahr, obwohl man jetzt eine Verpflichtung der Kommune für die Fürsorge gegenüber Obdachlosen sah. Aber erst 1928 beschloss die Stadtverordnetenversammlung die Errichtung eines modernen Obdachlosenasyls am Pippelweg. Im Zweiten Weltkrieg waren ausländische Arbeiterinnen der Stadtwerke in der Herberge zur Heimat untergebracht. Da das Haus nur wenig durch den Bombenkrieg beschädigt war, konnte der Herbergsbetrieb bald nach Kriegsende wieder aufgenommen werden.
1968 wurden erhebliche bauliche Mängel an dem fast hundertjährigen Gebäude festgestellt. Der Fahrzeugverkehr auf der Juliusstraße – einer wichtigen Verbindungsstraße im Westen – hatte seine Spuren hinterlassen. Ein Sachverständigengutachten riet von einer aufwändigen Sanierung des Hauses ab. Die Herberge wurde geschlossen und 1971 abgerissen. Durch die Stiftung „Wohnen und Beraten“ wird die soziale Arbeit mit Wohnungslosen heute in anderen Einrichtungen fortgesetzt.

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