Der Cyriaksring ist Teil des Ringsystems, das Anfang der 1880er Jahre als wesentliches Gestaltungselement des Straßennetzes der Braunschweiger Außenstadt konzipiert wurde. Die um die Braunschweiger Innenstadt gelegte Ringstraße ist ihrer hauptsächlichen Aufgabe als Verkehrsader bis heute gerecht geworden. Auch der Cyriaksring weist heute noch immer starken Verkehr auf, wenn auch schwere Lastkraftwagen seit vielen Jahren über die Stadttangente geleitet werden. Zwischen Helenenstraße und Arbeitsamt zweit vom Ring in westlicher Richtung die Blumenstraße ab. Bereits nach wenigen Schritten hat man den Ring mit seinen hohen Wohnhäusern und dem Verkehrslärm hinter sich gelassen. Die Blumenstraße macht in ihrer schmalen, gekrümmten Form und trotz einer Teerdecke einen unausgebauten Eindruck, vor allem weil die üblichen gesonderten Fußwege fehlen. Die vereinzelte, von Gärten und Hecken umgeben Bebauung ist niedrig. Selbst die moderne, im Sommer 2006 geschlossene Poststelle reicht über ein Geschoss nicht hinaus. AN der rechten Seite steht hinter hohen Bäumen versteckt das ehemalige Feldhüterhaus des Wilhelmitorbezirks, in dem um 1870 der Feldhüter Friedrich Heinrich Harms wohnte.

Das um 1825 erbaute kleine Fachwerkhaus, das heute zu den ältesten Gebäuden der Umgebung zählt, erinnert daran, das sie Stadt Braunschweig seit dem Mittelalter von einem breiten Ring weitgehend unbebauter Feldmark umgeben war., die sich zwischen den Befestigungswerken der Stadt und der Landwehr gebildeten Stadtgrenze erstreckte. Die überwiegend landwirtschaftlich genutzte städtische Feldmark war aufgeteilt in die westlich der Oker gelegenen Bezirke Wilhemitor, Hohetor, Alt- und Neupetritor, während das Gebiet östlich der Oker nur aus den beiden großen Bezirken Hagen und Altewiek bestand. Die Grundbesitzer in den einzelnen Feldmarksbezirken waren in den so genannten Feldmarksinteressengeschmeinschaften zusammengeschlossen, denen u.a. die Instandhaltung der Wege und Gräben in ihrem Bezirk oblag. Auch übten diese Selbstverwaltungsorgane über den Feldhüter die Funktion der Feldpolizei aus, um Diebstähle und Beschädigungen auf Feldern, Wiesen und in Gärten zu verhindern.

Der anstelle der Bezeichnung „Weg nach der Roten Wiese“ seit 1874 gebräuchliche Straßenname Blumenstraße verweist auf die vorindustrielle Nutzung des Wilhelmitorbezirks. Die 1772 in Braunschweig durch den Handelsgärtner Ernst Christian Conrad Wrede (1751-1844) gegründete Samenhandlung bot selbstgezogenen Gartensamen aller Art an, landwirtschaftliche Sämereien, Gras-, Holz- und Blumensamen. Gedruckte Verkaufslisten dokumentierten ein umfangreiches Angebot, das weit über Braunschweigs Grenzen einen guten Ruf besaß. Wredes Unternehmen entwickelte sich im 19. Jahrhundert zu einem erfolgreichen Saatzuchtbetrieb. Die günstige Geschäftsentwicklung ermöglichte es dem Gründer und seinen Nachkommen, umfangreichen landwirtschaftlichen Grundbesitz, vor allem in der westlichen Braunschweiger Außenstadt, zu erwerben. Westlich der Juliusstraße und damit auch im Bereich der Blumenstraße erstreckten sich zwischen Helenenstraße und Broitzemer Straße weitläufige Wrede’sche Ländereien. Wredes umfangreiche Wohn- und Wirtschaftsgebäude, im Volksmund „Wreden-Darre“ genannt, die nach 1780 ursprünglich als Zichorienfabrik errichtet und vom Sohn des Gründers 1824 aus einer Zwangsversteigerung erworben und erweitert worden waren, befanden sich bis zum Abbruch 1905 in unmittelbarer Nähe der Blumenstraße, auf einer Fläche, die heute von der Wohnbebauung der Helenen-, Julius- und Laffertstraße und des Cyriaksrings begrenzt wird. Eine Zeitungsnotiz vom 1870 verrät, wie die Blumenstraße zu ihrem Namen gekommen sein dürfte: „Blumenfreunden raten wir einen Gang nach den zur Samengewinnung bei Wrede’s Darre vor dem Wilhelmitore angelegten riesige Blumenbeeten. Die Levkojenzucht allein nimmt den Raum eines Morgens ein.“ (Braunschwegier Tageblatt, 16.07.1870). Die Zeitungsmeldung spricht außerdem von ca. 800 blühenden Sorten, die damals bei Wrede angebaut wurden

Als die Blumenstraße noch ihre alte Bezeichnung trug, hatten sich dort bereits Gärtner, Schäfer, Arbeiter und der Feldhüter angesiedelt. 1866 eröffnete die Ölfabrik Apel, die Wagenfett produzierte, ihren Betrieb. 1883 folgte die Maschinenfabrik Hammer & Co. (später Karges-Hammer). Noch vor dem Ersten Weltkrieg etablierte sich in der Blumenstraße auch das 1906 gegründete Deutsche Blechwarenwerk GmbH, dessen Gebäude heute von der Hochschule für Bildende Künste (HBK) als Ateliergebäude genutzt werden.

Der Stadtmagistrat sah es nicht gern, dass hier weit vor den Toren der Stadt, noch dazu an einem verwinkelten engen Feldweg, seit den 1860er Jahren Wohnhäuser und Fabrik entstanden waren. Als 1892 innerhalb weniger Monate die Fabriken von Apel und Hammer brannten, baten die Anwohner verständlicherweise um Legung einer Wasserleitung, die jedoch erst im Ersten Weltkrieg erfolgte. Der Stadtmagistrat lehnte 1892 die Wasserleitung mit dem Hinweis auf fehlende „Regulierung“ nach den Vorgaben des Ortsbauplans ab. Die Straße war tatsächlich ohne die ordnende Hand des Ortsbauplans besiedelt worden. Allerdings hatten Bevölkerungsentwicklung und Raumbedarf hier wie auch an vielen anderen Wegen in der Außenstadt keine Rücksicht auf einen Ortsbauplan nehmen können, der auf sich warten ließ. Stadtbaurat Ludwig Winter überzog zwar in seinem Ortsbauplan von 1889 auch die Umgebung der Blumenstraße ohne Rücksicht auf die bisherigen Wegeverhältnisse mit dem üblichen Rechteck-Straßenmuster. Doch ist die Blumenstraße bis heute in ihrer unregelmäßigen Form erhalten geblieben, weil der Straßenausbau im Westlichen Ringgebiet sich langsamer als in der östlichen Außenstadt vollzog. So setzt sich noch immer die Blumenstraße in westlicher Richtung in einem unausgebauten Feldweg fort, der an einem Kleingartengelände vorbei zum Gebiet des ehemaligen Westbahnhofs führt, das seit der Einstellung des Bahnverkehrs sich selbst überlassen scheint.

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