Die Bugenhagenenstraße verbindet Broitzemer Straße und Kalandstraße. An ihrer Westseite, gegenüber dem Grundstück der Schule Sophienstraße, befinden sich vier Doppelhauspaare mit jeweils drei- bzw. vier Geschossen. Diese acht Häuser (Nr. 13-20) wurden 1899 durch die „Braunschweiger Baugenossenschaft“ (BBG) errichtet. Ein viergeschossiges Eckhaus an der Kalandstraße folgte ein Jahr später.
Die im Juni 1887 gegründete und noch heute bestehende „Braunschweiger Baugenossenschaft“ hat einen wesentlichen Beitrag zur Verbesserung der Wohnsituation der Arbeitnehmer in Braunschweig geleistet. Die Initiative zur Gründung ging von der Leitung einiger größerer Braunschweiger Industrieunternehmen aus wie der Eisenbahnsignalbauanstalt Jüdel & Co., der Nähmaschinenfabrik Grimme, Natalis & Co. Und der Braunschweigischen Maschinenbauanstalt (BMA). Vor allem Werksangehörige dieser Unternehmen gehörten zu den ersten Mitgliedern. Der Zweck der Baugenossenschaft bestand nach §1 des Statuts darin, „für ihre Mitglieder billige und gesunde Wohnungen zu beschaffen und den Erwerb von Grundeigentum zu ermöglichen.“ Der Geschäftsanteil betrug 200 RM und war im wöchentlichen Raten zu 50 Pf einzuzahlen.

Die ab 1888 einsetzende Bautätigkeit der Baugenossenschaft konzentrierte sich von Anfang an nicht nur auf einen Außenstadtbezirk, weil man ursprünglich „größere Arbeiterviertel oder Colonien“ vermeiden wollte. Durch die von den städtischen Behörden im Rahmen des Schulneubaus 1890 beschlossene Anlegung der Bugenhagenstraße bot sich auch für die Baugenossenschaft die Möglichkeit, erstmals in diesem bislang unbebauten Teil der westlichen Außenstadt tätig zu werden, übrigens auf Ländereien der bereits erwähnten Firma Samen-Wrede. Die Baugenossenschaft ließ 1899 in der in der Bugenhagenstraße Häuser errichten, die wie alle Bauten aus den Anfangsjahren nur schlichte Fassaden aufweisen. Wichtig war vielmehr eine solide massive Ausführung der vollunterkellerten Gebäude mit Drei-Zimmer-Wohnungen, in denen die Wohnzimmer nicht unter 17 qm, die Schlafzimmer nicht unter 10 qm groß waren. Zur selbstverständlichen Ausstattung gehörten Keller, Bodenkamemrn, gemeinsame Waschküche und Toiletten innerhalb des Hauses. Die Jahresmieten für die einzelnen Wohnungen bewegten sich zwischen 170 und 200 RM, in einer Größenordnung, die für „Kleinwohnungen“ damals in Braunschweig üblich und für niedrige Einkommen erschwinglich war. Der teure Baugrund an der Bugenhagenstraße veranlasste die Baugenossenschaft, einige Häuser erstmals viergeschossig errichten zu lassen.

Die in der Bugenhagenstraße entstandenen Gebäude sind heute nicht mehr im Besitz der „Braunschweiger Baugenossenschaft“. Das mag überraschen, da heute sich alle Häuser der BBG im Genossenschaftsbesitz befinden und an Mitglieder vermietet werden. Bis zu einer 1902 erfolgten Satzungsänderung war es den Mitgliedern möglich gewesen, in Übereinstimmung mit dem er erwähnten Statutenbestimmung die erbauten Häuser käuflich zu erwerben.

In der westlichen Parallelstraße der Bugenhagenstraße erwartet den Betrachter ein ganz anderes Straßenbild: Die ab 1913/14 in der Virchowstraße von der BBG in Dreier- oder Vierergruppen errichteten, durchweg viergeschossigen Wohngebäuden erinnern in ihrer historisierenden Architektursprache an gehobene bürgerliche Wohnquartiere im östlichen Ringgebiet. Anstelle der kargen, betont sachlichen Fassadengestaltung ist reicher Dekor getreten. Balkone, Erker und differenzierte Dachgestaltungen ergeben ein wohnliches, sogar malerisches Gesamtbild, das durch Vorgärten und Baumbepflanzung an den Fußwegen noch gesteigert wird. Die teilweise mit Vier-Zimmer-Wohnungen und bereits durchweg mit Innentoiletten, aber noch nicht mit Badezimmern ausgestatteten Gebäude in der Virchowstraße entsprachen in ihrem Standard offenbar gestiegenen Ansprüchen aus dem Kreis der Genossenschaftsmitgliedern. Diese Bauten stellen zugleich den Höhepunkt in den ersten 25 Jahren der Gesamtbautätigkeit der BBG dar. Neben Bugenhagen- und Virchowstraße baute die BBG bis zum Ersten Weltkrieg schwerpunktmäßig besonders in den Bereichen Jahnstraße und Karl-Schmidt-Straße in der westlichen- bzw. nördlichen Außenstadt. Ökonomische Sachzwänge, vor allem aufgrund der hohen Bodenpreise, dürften dazu beigetragen haben, dass entgegen den ursprünglichen Intentionen die Bautätigkeit letztlich auf einige Standorte beschränkt blieb. Bis zum Jubiläumsjahr 1912 waren 86 Wohnhäuser erbaut, von denen sich damals noch 55 Häuser mit 444 Wohnungen im Genossenschaftsbesitz befanden. Der Anteil der BBG-Bautätigkeit an der gesamten Wohnbauproduktion in der Stadt Braunschweig betrug in den frühen 1890er Jahren noch unter 2% erhöhte sich jedoch in der Folgezeit. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs, als auch die Häuser in der Virchwostraße errichtet wurden, bewegte sich der BBG-Anteil bereits um ca. 15 %. Die städtischen Behörden, die selbst beim Bau von kleinen Wohnungen nicht aktiven werden, unterstützen die BBG seit 1892 durch eine jährliche Zuwendung von 1.000 RM und unterstrichen damit die Bedeutung der „Braunschweiger Baugenossenschaft“, die zu einem wichtigen Faktor im städtischen Wohnbaugeschehen geworden war.

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