In der Blickachse der gebogenen Broitzemer Straße steht neben den großen Bäumen des ehemaligen Reformierten Friedhofs ein zweigeschossiges Gebäude, das heute als Kindergarten genutzt wird. Unterhalb des bewohnbaren Ecktürmchens ist als Symbol für das Transportwesen ein in Stein gehauenes Rad sichtbar, das mit zwei Flügeln versehen ist. Die Radspeichen werden durch ein Monogramm verdeckt, das durch die die beiden ineinander verschlungenen Buchstaben L und F gebildet wird.
Beide Buchstaben verweisen auf den Unternehmer Louis Fricke (gestorben 1908), der sich hier 1896 sein Wohn- und Verwaltungsgebäude errichten ließ. Wie bei vielen Braunschweiger Firmengründungen begann die Geschichte dieses noch heute bestehenden mittelständischen Unternehmenes in der Innenstadt. Der Rittergutsinspektor Fricke eröffnete 1868 in der Echternstraße ein Fuhrgeschäft, dessen günstige Entwicklung bereits 1877 den Umzug an die noch weitgehend unbebaute Broitzemer Straße erforderlich machte, um Platz für den wachsenden Fuhrpark und die Lagerhäuser zu gewinnen. Durch Frickes Funktion als amtlicher Bahnspediteur und sein Engagement im Güterverkehr, wozu auch Möbeltransporte geöhrten, wurde das größte Fuhrunternehmen der Stadt ein wichtiger Faktor für die braunschweigische Wirtschaft. So umfasste Frickes Marstall an der Broitzemer Straße bald 450 Pferde, die auch bei der städtischen Pferdebahn eingesetzt wurden.
Anfang 1879 hatte Fricke außerdem im Auftrag der Kaiserlichen Oberpostdirektion für 50 Jahre die „Posthalterei“ übernommen, d.h. die Paketzustellung der Stadt Braunschweig. Jeden Morgen traten zwölf Postillione in der Broitzemer Straße an, putzten Tiere und Geschirr, schwangen sich in die Sättel und ritten zum Hauptpostamt in der Friedrich-Wilhelm-Straße, in dessen Hof die beladenen gelben Paketwagen schon warteten. Wenn die Pferde, zumeist schwere Kaltblüter, sog. Belgier, Fricke Grundstück verließen, pflegten sie oft ihre „Äpfel“ zu hinterlassen. Das war der Augenblick für die Kinder aus der Umgebung, die im Auftrag ihrer Mütter mit Eimer und Schaufel bereit standen, diesen Dünger für den Kleingarten zu organisieren.
Die Arbeitsverhältnisse bei Fricke waren allerdings weniger romantisch. Bei niedrigen Wochenlöhnen hatten die Kutscher am Sonntagvormittag während der Kirchzeit ihre Wagen in Ordnung zu bringen. Abendliche Überstunden wurden nicht bezahlt. Fricke war autoritär und mit Entlassungen schnell bei der Hand. Nach dem Tod des Firmengründers erreichte der Transportarbeiterverband nur in zähen Verhandlungen Verbesserungen. Als das Unternehmen 1914 Streikbrecher engagierte, eskalierte die Situation, wobei in Gegenwart der nicht eingreifenden Polizei Schüsse fielen, die jedoch niemanden verletzten.
Nach dem Ersten Weltkrieg wurde das Verkehrswesen zunehmend motorisiert. Seit 1929 beförderte die Post Päckchen und Pakete in Elektromobilen. Frickes Pferde wurden außer Dienst gestellt. 1939 war die Motorisierung abgeschlossen. Das in eine GmbH umgewandelte Unternehmen positionierte sich mit Spezialfahrzeugen in den Bereichen Güternahverkehr, Sammelladungen, Lagerei und Schwertransport. Die Kriegszerstörungen überstand nur das Wohn- und Verwaltungsgebäude. Der Wiederaufbau vollzog sich am alten Standort. 1974 erfolgte die Übernahme durch die Rhenania-Schifffahrts-und Speditions GmbH, 1976 die Fusion mit der Schmidbauer KG. 1983 zog die Fricke-Schmidbauer Schwerlast GmbH in die Aussigstraße um und zählt heute zu den Marktführern für Spezialtransporte. Das freigewordene Firmengelände zwischen Broitzemer Straße, Bugenhagenstrßae und Sophienstraße wurde in der Folgezeit mit Wohnhäusern bebaut. Frickes Villa wird nach einem Umbau seit 1986 als Kindertagesstätte des Deutschen Roten Kreuzes genutzt. Bis heut lebt auch der Name Louis Fricke auf den Transportfahrzeugen der heutigen Möbelspedition M.K GmbH in Lamme weiter.

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