An der Frankfurter Straße (südlich der Einmüdung des Cyriaksrings) befindet sich ein umgenutztes Industrieareal, auf dem heute unter anderem die Stadtreinigung „Alba“, die Teutloff Schule, das Jugendzentrum „Drachenflug“ und das Wohn-und Kulturprojekt „Nexus“ untergebracht sind. Entstanden ist die Fabrikanlage als Mühlenbauanstalt Gottlieb Luther. Diese war zum Beginn des 20. Jahrhunderts ein Unternehmen von Weltruf

Der gelernte Müller Gottlieb Luther (1813-1879) hatte sich frühzeitig auf die Reparatur von Mühlen spezialisiert. Er hatte erkannt, dass die Zukunft des Mühlenbaus nicht mehr in der handwerklichen Arbeit am Ort der Errichtung einer Mühle lag, sondern in der industriellen Fertigung von Mühlenbaumaschinen. Der Fortschritt beim Eisenbahn und Schiffsverkehr ließ es künftig zu, die Anlagen an viele Stellen zu liefern. Auch der Wandel von den traditionellen Mühlensteinen zu Hartguswalzen, die Entwicklung von Sicht- und Sortiermaschinen und die Nutzung der Dampfkraft als Antriebsenergie erforderten einen industriellen Maschinenbau.

Für die Fertigung dieser Maschinen hatte Luther 1846 eine Mühlenbauanstalt in Wolfenbüttel gegründet. 1875 entschloss er sich zum Umzug nach Braunschweig und zum Neubau der Fabrik. Bald darauf übernahm sein Sohn, der 29-Jährige Ingenieur Hugo Luther, die Leitung der Firma. An der Frankfurter Straße entstanden nun ein Wohn- und Bürohaus, eine Montagehalle, eine Dreherei und Tischlerei, Kesselhaus, Schmiede und Eisengießerei. In den folgenden Jahren kamen weitere Fabrikationsstätten, eine Dampfmaschinenwerkstatt, Zeichensäule, Lagerhäuser mit Gleisanschluss an der Landeseisenbahn hinzu.

Die Firma spezialisierte sich zunehmend auf die Ausstattung von Großmühlen und fertigte alle dazu nötigen Maschinen. Auch Maschinen für Brauereien, Stärke- und Zementfabriken sowie für Gipsmühlen stellte sie her. Außerdem stattete sie in verschiedenen Ländern Silo- und Hafenanlagen aus. In der Rüninger Mühle errichtete sie eine Erprobungs- und Vorzeigebetrieb. Hatte man beim Umzug nach Braunschweig mit 80 Beschäftigten angefangenen, waren für die Firma 1897 etwa 900 Mitarbeiter tätig, davon 550 in Braunschweig. Die Zahl von 70 angestellten Ingenieuren verdeutlichte, in welchem Umfang Planungen für Einzellösungen und Neuerfindungen nötig waren.

1890 übernahm Hugo Luther im Auftrag der ungarischen Regierung ein Großprojekt: Auf der heutigen Grenze zwischen Rumänien und Serbien war am „Eisernen Tor“ ein 85 km langer Abschnitt der Donau schiffbar zu machen. Durch zahlreiche Stromschnellen und wegen der damit erforderlichen Unterwassersprengungen galten diese Arbeiten als „technische Großtag“, bei der 9.000 Arbeiter tätig wurden. Das Projekt hatte Hugo Luther aber negative finanzielle Auswirkungen. Eine Berliner Großbank musste in die Braunschweiger Mühenbauanstalt als Finanzinvestor einsteigen. Es gab Differenzen mit drei leitenden Mitarbeitern Luthers, die daraufhin ausschieden und eine eigene Firma gründeten. Diese Firma „Amme, Giesecke und Konegen“ (AGK) überflügelte schon bald das Lutschersche Unternehmen.
Luther kam unter starken Konkurrenzdruck, der erst durch die Bildung einer Interessengemeinschaft im Ersten Weltkrieg gemildert wurde. 1925 fusionierte Luther dann mit AGK und weiteren Konkurrenten zur MIAG. Der Mühlenbau wurde in das „Ammerwerk“ an der damaligen Rossstraße konzentriert, im „Lutherwerk“ arbeiteten zeitweise nur noch 100 Arbeiter.

Ab 1934 vollzog sich an der Frankfurter Straße im Zeichen der Aufrüstung ein Neubeginn. Unter der Leitung von Stephan Luther und Walter Jordan wurde die Firma zum reinen Rüstungsbetrieb, der vorrangig für die Luftwaffe arbeitete. 1941 wurde die Firma als „Luther und Jordan“ aus der MIAG ausgegliedert. Produziert wurden u. .a das Jagdflugzeug Messerschmidt Me 110 und das Schulungsflugzeug Focke-Wulf 58. Die Firma war außer im Stammhaus in der früheren Zuckerraffinerie Frankfurter Straße (heute ARTmax) und in in der Brauerei Streitberg tätig. In Bienrode gab es Hallen für die Flugzeugmontage, in Waggum Spritz- und Einflughallen. Für den Flugzeugbauer waren Ende 1944 ca. 3.500 Beschäftigten tätig, darunter etwa zu einem Viertel ausländische Zwangsarbeiter.

Als Rüstungsbetrieb war die Firma nach Kriegsende von Demontagen betroffen und wurde über Jahre von der britischen Besatzungsmacht für ihre Zwecke beschlagnahmt. Sie spezialisierte sich bald dann auf den Sonderfahrzeugbau, wobei Rüstungsgüter schon bald wieder eine Rolle spielten. Auch im Bereich des Flugzeugbaus schloss man durch den Betrieb einer Hubschrauberreparaturwerft in Waggum wieder an die früheren Tätigkeitsfelder an. Nach starke Krisen in den 70er Jahren gingen die Luther-Werke 1979 in den Konkurs.

Share and Enjoy:
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • del.icio.us
  • email



Stoppt die Vorratsdatenspeicherung! Jetzt klicken & handeln!Willst du auch bei der Aktion teilnehmen? Hier findest du alle relevanten Infos und Materialien: