Die nördliche Straßenseite des Neustadtringes zwischen Rudolfplatz und Celler Straße wird dominiert von einem groben viergeschossigen Gebäude aus gelben Backstein, das vielen Braunschweigern als das „Eisenvater-Haus“ bekannt ist. Erst vor wenigen Jahren ist hier die Nord/LB eingezogen. Erbaut wurde es als Fabrik, als Pianofortefabrik Zeitter und Winkelmann.
Das Unternehmen wurde 1837 von Tischlermeister Christian Theodor Winkelmann gegründet, 1851 trat Friedrich Zeitter als Teilhaber ein. Im Haus Wollmarkt 3 wurden auf handwerklicher Basis 60 bis 80 Klaviere pro Jahr gefertigt. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert gehörte ein Klavier in jeden bürgerlichen Haushalt. Das Unternehmen konnte expandieren und errichte 1888 einen Neubau an der damaligen Hildesheimer Straße am Rande der Stadt. In dieser Fabrik standen Maschinen zur Holz- und Eisenbearbeitung, alle Stockwerke der Fabrik waren mit Transmissions-Anlagen versehen, die die Maschinen antrieben. Auf dem Hof stand ein Kesselhausmit Dampfmaschine, weiter befand sich dort ein großes Holzlager. Die Anlieferung erfolgte über ein Anschlussgleis an die Ringbahn der Braunschweigischen Landeseisenbahn. Das Nachbarhaus (Ernst-Amme-Straße 3) war das Wohnhaus der Familie Winkelmann.
In der Fabrik Ordnung vom 15.03.1892 hieß es unter anderem: „§ 4. Die tägliche Arbeitszeit beginnt um 7 Uhr Morgens und endet um 7 Uhr Abends, mit Ausnahme Montags, an welchem Tage die Arbeitszeit um 6 Uhr endet.“ Und: „§ 5. Die Arbeitszeit ruht: Vormittags von 8½ bis 9 Uhr, Mittags von 12 bis 2 Uhr und Nachmittags von 4 bis 4½ Uhr.“ Und: „§ 7. Den Lohn, welcher jeder Einzelne bekommt, bestimmt die Geschäftsleitung. Die Lohnauszahlung erfolgt wöchentlich und zwar am Sonnabend.“ Verboten waren unter anderem (§6) das Rauchen, das gemeinschaftliche Trinken von Spirituosen und das Empfangen von Verwandten und Bekannten ohne Erlaubnis.
Zeitter und Winkelmann fertigte nicht nur für den deutschen Markt, sondern lieferte in 36 Länder, unter anderem nach Südamerika, Indien und Australien. Das Unternehmen war auf internationalen Ausstellungen vertreten, und seine Produkte wurden mit Preisen ausgezeichnet. Im Ersten Weltkrieg erfolgte die Umstellung auf die Kriegswirtschaft, gefertigt wurden Kisten und Zeltstangen. Viele Mitarbeiter wurden eingezogen. Der Wiederanlauf nach dem Ersten Weltkrieg gestaltete sich überraschend positiv. Während des Krieges war internationale Post zurückgehalten worden und damit auch die darin enthaltenden Aufträge. Um den Auftragsstau abzuarbeiten, wurde 1922/23 ein zweites großes Fabrikgebäude auf der Rückseite des Grundstücks an der Hermannstraße errichtet 1924 wurde das 30.000. Klavier gefertigt, die Jahresproduktion betrug 2.400 Klaviere. Über 500 Arbeiter und Angestellte im waren im Unternehmen beschäftigt. Für verdiente Mitarbeiter errichtete das Unternehmen eigene Wohnungen in der Siedlung Alt-Petritor und in Lehndorf. Im Haus Breite Straße 1, einem Nachbarhaus des Altstadtrathauses, wurde eine repräsentative Verkaufsausstellung eröffnet. Ein besonderer Auftrag war die Herstellung eines Flügels für den Passagier-Luxusdampfer „Cap Arcona“ der Reederei Hamburg-Süd.
Die Blütezeit endete abrupt zu Beginn der Weltwirtschaftskrise 1929. Der Markt für Klaviere brach zusammen. Um den drohenden Konkurs aufzufangen, schloss isch Zeitter & Winkelmann mit anderen Herstellern (darunter der Firma Schimmel aus Leipzig) zur „Deutschen Pianowerke AG“ zusammen. Als Standort der Produktion wurde Braunschweig gewählt, weil sich hier die modernsten Fertigungsanlagen befanden. Aber auch diese neue Firma ging nach wenigen Monaten in Konkurs. Das überflüssige gewordene Gebäude an der Hermannstraße wurde 1934 von der Braunschweiger Baugenossenschaft zu Wohnungen für kinderreiche Familien umgebaut wovon eine Inschrift an der Westseite zeugt. Im Fabrikgebäude Hildesheimer Straße arbeiteten die Klavierfabriken unter ihrem ursprünglichen Namen stark verkleinert und auf eine Rechnung weiter. 1936 wurde das Gebäude von der Eisenhandlung Friedrich Vater & Co – „Eisenvater“ – gekauft. Im Zweiten Weltkrieg produzierte hier die Frankfurter Firma Hartmann und Braun. Auf dem Gelände befand sich auch ein Lager für dort arbeitende Kriegsgefangene.
Nach dem Zweiten Weltkrieg begann Zeitter & Winkelmann neu in Melverode (die Firma wurde in den 1950er Jahren verkauft), Schimmel begann seinen Aufstieg zur heutigen Weltfirma an der Hamburger Straße. Das große Fabrikgebäude am Neustadtring wurde nun von Eisenvater, inzwischen auch Großhändler für Sanitär und Haustechnik, genutzt. Als Eisenvater im Jahr 2003 wegen einer besseren Verkehrsanbindung und der Möglichkeit zu räumlicher Expansion diesen Standort verließ und seinen Sitz in ein Gewerbegebiet an der Autobahn verlegte, war dieses eine gleichartige Unternehmerische Entscheidung, wie sie 115 Jahre zuvor zum Neubau an der damaligen Hildesheimer Straße geführt hatte.

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