Wir stehen in der Juliusstraße vor einem Block von vier aneinander gebauten, jeweils viergeschossigen Wohnhäusern, die auf den Betrachter einen nüchternen, gleichförmigen Eindruck machen, obwohl in den letzten Jahren die einzelnen Fassaden einen unterschiedlichen Farbanstrich erhalten habe. Die beiden inneren und die beiden äußeren Häuser der Reihe zeigen jeweils eine identische Fassadengestaltung mit sparsamen Dekor. Diese vier Mehrfamilienhäuser haben in der Braunschweiger Wohnungsbaugeschichte des 19. Jahrhunderts einen besonderen Stellenwert.

Die Industrialisierung wurde von einer Bevölkerungszunahme begleitet, die bereits in den 1860er Jahren die Frage nach erschwinglichem Wohnraum für lohnabhängige Einwohner aufwarf. Braunschweigs Bevölkerung wuchs zwischen 1855 und 1867 um 30% von ca. 37.000 auf 48.500 Einwohner. 60% dieses Zuwachses verteilten sich recht unterschiedlich in der ohnehin schon eng bebauten Innenstadt, deren Erscheinungsbild noch weitgehend durch Jahrhunderte alte Fachwerkbauten geprägt war. Durch Ausbau von Hinter- und Seitengebäuden versuchten Hausbesitzer zusätzlichen Wohnraum und Miteinnahmen zu erzielen. Auch Kuhställe sollen damals zu Wohnungen umgebaut worden sein. Ärmere Bevölkerungssichten drängten sich in zumeist schlechten und hygienisch bedenklichen Innenstadtwohnungen zusammen, wobei die Wohnfläche pro Person immer mehr abnahm. Starke Nachfrage nach „Kleinwohnungen“ führte zu Mietsteigerungen, mit denen die Lohnentwicklung der unteren Einkommensschichten nicht in Schritt zu halten vermochte. Unter „Kleinwohnungen“ sind Ein- bis Drei-Zimmerwohnungen zu verstehen, deren Jahresmietpreis im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts durchschnittlich 60-70 Taler, also 180-210 RM betrug.

Der Braunschweiger Stadtmagistrat lehnte es aus finanziellen und verwaltungstechnischen Gründen ab, Arbeiterwohnungen in Eigenregie zu errichten und zu verwalten, vermochte auch zumeist eine akute Wohnungsnot nicht anzuerkennen. Jedoch unterstützte er die 1870 entstandene „Braunschweigische Aktiengesellschaft zum Bau von Arbeiterwohnungen“, die ab 1871 am westlichen ende der heutigen Hugo-Luther-Straße zwölf Arbeiterhäuser mit Ein- bis Zwei-Familienwohnungen errichtete. Die Gesellschaft stellte jedoch bald aus Kapitalmangel ihre Tätigkeit ein, zumal die Herstellungskosten höher als geplant ausfielen, so dass der beabsichtigte Hauserwerb durch Arbeiter illusorisch wurde.

In der ersten Hälfte der 1880er Jahre wuchs infolge einer wirtschaftlichen Belebung die Nachfrage nach preiswertem Wohnraum. 1885 realisierte der Stadtmagistrat Anregungen aus dem Kreis der Stadtverordneten, Bauunternehmer, die sich bereit erklärten, Kleinwohnungen zu errichten, durch die Gewährung von Baukapital zu günstigen Zins- und Amortisationsbedingungen zu unterstützen.

Tischlermeister August Jung hatte 1883 von der Besitzerin der Firma Samen-Wrede, Freifrau Helene von Bernewitz, geb. Wrede, Bauterrain zwischen der Juliusstraße und Frankfurter Straße erworben. An der Juliusstraße plante er, vier zusammenhängende viergeschossige Wohnhäuser mit insgesamt 32 Drei-Zimmer-Wohnungen zu errichten. Das bereits im August 1884 genehmigte Bauprojekt beschäftigte im September 1885 die Stadtverordnetenversammlung, die in Übereinstimmung mit dem Stadtmagistrat Jungs Antrag genehmigte, die vier Wohnhäuser mit einem Hypothekkapital von 84.000 RM zu jährlich 4% Zinsen zu beleihen.

Jungs Wohnungen waren begehrt. Nach einem Bericht des sozialdemokratischen „Braunschweigischen Unterhaltungsblatts“ vom 29. Oktober 1885 waren sämtliche Wohnungen in Jungs Häusern bereits vermietet, obwohl weder die Bauarbeiten beendet noch die Wohnungen ausgetrocknet waren. Bereits seit dem 1. Oktober 1885 bezog jedoch Jung Jahresmiete in Höhe von jeweils 220-230 RM, obwohl noch keine Treppen eingebaut, die Dielen nicht gelegt, die Ofenrohre fehlten und die Maler- und Tapezierarbeiten noch nicht ausgeführt waren. Die Wohnungsnot hatte die Mieter, die auf Leitern einziehen mussten, gezwungen, Jungs Forderung zu akzeptieren, ungeachtet der offensichtlichen Mängel bereits die volle Miete zu zahlen. Schnell stellte sich heraus, dass die kommunale Unterstützung den beabsichtigten Zweck verfehlt hatte, denn Jungs Wohnungen, die keinerlei Mietpreisbindung unterlagen, waren bald für einen Arbeiter mit durchschnittlichem Einkommen nicht mehr bezahlbar.

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